Buchrezension: Thierry van Werveke

ein Buch von Yves Steichen


"Die Schauspielerei ermöglicht es Thierry, der Banalität des Lebens zu entfliehen und seine Extravaganz auszuleben, und ist trotzdem eine Tätigkeit, die ihm ein Mindestmaß an Disziplin abverlangt und ihm somit einen regulierenden Rahmen setzt."

Ein Buch über eine so facettenreiche Persönlichkeit wie Thierry van Werveke zu schreiben ist eine schwierige Aufgabe, vor allem wenn man ihn nie persönlich kennenlernen konnte. Yves Steichen hat sich dieser Aufgabe gestellt. Sein Buch ist eine Hommage an einen großartigen Charakterdarsteller, dessen filmische Geschichte sich jedoch nicht von der von Andy Bausch zu trennen vermag. Letzterer beschreibt Thierry als seinen einzigen wahren Freund. Und wenn man dieses Buch liest versteht man auch wieso: beide verbindet eine dreißigjährige symbiotische Freundschaft die fast brüderlich erscheint. Durch Menschen wie Andy Bausch scheint Thierry überhaupt überleben zu können.

Aus einem sehr vielversprechenden Start ins Leben verliert sich Thierry als Jugendlicher immer mehr und mehr und scheint oft einen Seiltanzakt auf Leben und Tod zu führen. Diese Grenzerfahrungen kann er in die Schauspielerei, die Musik und später auch auf der Theaterbühne so wunderbar umsetzen, dass er wohl oft seine eigene Lebensgeschichte zu spielen scheint. 

Seine treuen Wegbegleiter wie zum Beispiel seine Ehefrau Danielle geben ihm Halt, wodurch er wunderbare Projekte umsetzen kann und sich mehr und mehr einen Namen macht. Auch wenn es schlussendlich nicht das ist, was er wirklich im Leben sucht, da er vor allem seiner selbst geliebt werden möchte und nicht seines Erfolges wegen. 

Yves Steichen ist ein interessantes Werk über einen großartigen Schauspieler, einen tief emotionalen Menschen, der sich durch Höflichkeit und Einfachheit ausgezeichnet hat, gelungen  Was ich bewundernswert finde ist die Ehrlichkeit, mit der sowohl Thierry als auch sein Umfeld, mit seiner Sucht umgegangen sind. 

Das Buch gibt einen detaillierten Einblick in den beruflichen Werdegang von Thierry van Werveke. Was mir persönlich ein wenig gefehlt hat, sind vielleicht noch mehr Einblicke in die Privatwelt/Gefühlswelt von Thierry. Diese sind jedoch in anderen filmischen Werken oder Texten verarbeitet worden wie der Autor mir mitgeteilt hat. Demzufolge ist es für mich eine sehr lesenswerte und wertvolle Rückschau auf ein Leben, das viel zu schnell ein Ende gefunden hat!



Yves Steichen hat mir noch folgende Fragen beantwortet:

Wie kam es, dass die Thematik Thierry Van Werveke dich so fasziniert? Wann hast du den Entschluss gefasst eine Biographie über ihn zu schreiben?

Selbst hatte ich eigentlich gar nicht die Idee, eine Biografie über Thierry van Werveke zu schreiben. Vor einiger Zeit wollte das Verlagshaus Editions Saint-Paul eine neue Buchreihe über Luxemburger Persönlichkeiten - historische Figuren, Politiker, Sportler, Künstler herausbringen. Die Editions Saint-Paul waren zunächst an Paul Lesch herangetreten, doch als neu ernannter Direktor des Centre national de l'audiovisuel (CNA) fehlte ihm damals die Zeit, um ein solches Vorhaben zu realisieren. Er hat daraufhin mich als Autor einer solchen Biografie vorgeschlagen - ich selbst arbeite auch in der Filmabteilung des CNA. Ich muss dazu aber auch erwähnen, dass ich bereits 2012 einen Beitrag über Thierry van Werveke in dem Sammelband "Les Lieux de Mémoire - Erinnerungsorte in Luxemburg, Vol. 2" publiziert hatte, in dem ich mich mit der Erinnerungsarbeit um Thierry beschäftigt hatte. Die Thematik war mir also durchaus schon bekannt - auch wenn ich Thierry van Werveke leider nie zu Lebzeiten kennengelernt habe!

Wie lange hast du dich mit dem Projekt befasst, bis das Buch fertiggestellt war?
Insgesamt sind wohl etwa zwei Jahre in dieses Projekt eingeflossen - von den biografischen Recherchearbeiten über das Aussortieren von Foto- und Bildmaterial, das Auswerten von Interviews, die Sichtung seiner Filme (immerhin fast 90 - auch wenn ich mir bei weitem nicht alle anschauen konnte) bis hin zum eigentlichen Verfassen des Manuskripts und sämtlicher Korrekturarbeiten.

Wie war deine Herangehensweise?

Ich habe mich zunächst einmal natürlich auf jene Recherchen gestützt, die ich bereits vor einigen Jahren durchgeführt hatte, und habe versucht diese auszubauen. Ich habe mir den biografischen Dokumentarfilm "Inthierryview" von Andy Bausch, der 2008 während Thierrys schwerer Erkrankung entstanden ist, sehr genau angesehen und versucht herauszufinden, an welchen Stellen ich Analysen und Antworten liefern konnte, die der Film damals noch nicht bot. Ich wollte es auf jeden Fall vermeiden, den Film sozusagen in Buchform zu verschriftlichten. Als Historiker hat mich vor allem Thierrys öffentliche und mediale Rezeption interessiert - wie wurde aus einem "Rebellen", einer antinormistischen Randfigur, schließlich "Thierry national"? Ich denke, diese Frage war quasi der Leitfaden bei den Recherchen. Ich habe auch sehr viele Interviews mit Leuten geführt, die ihm nahestanden - vor allem mit seiner Witwe Danielle Meneghetti, ohne deren offenen Umgang mit Thierry diese Biografie schwierig umzusetzen gewesen wäre, aber auch mit vielen Menschen aus der Film-, Musik- und Theaterszene, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Aus diesen vielen Informationen habe ich dann versucht, eine Quintessenz herauszufiltern.

Was hat dich am meisten an der Person Thierry van Werveke fasziniert, was aber auch vielleicht erschreckt?
Fasziniert haben mich vor allem zwei Tatsachen - erstens, die Simultanität seines überbordenden künstlerischen Schaffens. Thierry war seit Mitte der achtziger Jahre sowohl im Film, als auch in der Musik und im Theater aktiv - und das bis zu seinem Lebensende. Diese Gleichzeitigkeit zu bündeln, zu kanalisieren und den Leser*innen zu vermitteln, war allerdings auch eine gewaltige Herausforderung. Zweitens war ich überrascht und gerührt zu hören, welch ein liebenswerter, höflicher Mensch Thierry gewesen ist. Kennt man nur seine Filme und die Rollen, die er darin vordergründig spielt, würde man das ja gar nicht annehmen. Diese Gegensätze habe ich auch versucht, in der Biografie zu verarbeiten. Erschreckt, oder eher gesagt: nachdenklich gemacht, hat mich wohl die Tatsache, dass er in gewisser Weise auch eine sehr tragische Figur war - talentiert, aber auch ein Leben lang abhängig von Rauschmitteln.

Welches Buch allgemein hat dich bis heute am meisten fasziniert?

Keine leichte Frage, da ich in letzter Zeit fast nur noch dazu komme, Sachtexte und filmwissenschaftliche Publikationen zu lesen :-) Begeistert hat mich aber auf jeden Fall "Licence to Thrill: A Cultural History of the James Bond Films" von James Chapman, das die Bond-Filme konsequent in ihren jeweiligen politisch-kulturellen Kontext einbettet und so aufzeigt, wie die Reihe seit 1962 quasi ein Spiegel westlicher Trends ist. Sehr lesenswert, da es den Blick auf die Bond-Filme definitiv verändert!

Wenn ihr jetzt mehr über Thierry in Erfahrung bringen wollt, postet TvW unter meinen Post auf meiner Facebookseite und habt die Chance ein Exemplar vom Buch von Yves Steichen zu gewinnen. Stichdatum ist der 6. Dezember 2018.
 

About the author

Martine
Martine

Musik, Natur, Sport, Kunst und Kultur und vor allem Lesen. Dies sind einige meiner vielen Interessen. Geboren in Luxemburg und wohnhaft im Westen, bin ich in der Mitte des Lebens angekommen und genieße dessen Vielfalt jeden Tag aufs Neue. 

Die Literatur ist für die Menschheit das, was Träume für den Einzelnen sind. Isabel Allende