Pirat - oder Seeräuber sterben nie

von Bernd Marcel Gonner

"Es war der Sommer, in dem er zu denken begann. Er hatte eigentlich schon immer gedacht, aber jetzt dachte er mit Worten, mit Menschenworten. Und es war auch der Sommer, in dem er einen Namen bekam. Pirat. Oder Seeräuber. Er mochte beide aber am liebsten mochte er Pirat."

So beginnt das Kinderbuch von Bernd Marcel Gonner, das den ersten Preis beim „Concours littéraire national Luxembourg 2016“ gewann. Das liebevoll gestaltete Cover fällt direkt ins Auge. Neben der Geschichte selbst findet der Leser auch sehr schöne Zeichnungen von Eva Jimenez Ceballos in dem Buch. Und die Geschichte hat es in sich. Pirat erzählt uns von seinem Leben, von seiner Igelfamilie, seinen zweibeinigen Freunden, seinen Sehnsüchten und seinen Ängsten. Dieses gepaart mit einigen Lebensweisheiten, die auch uns Erwachsene berühren. 

Als Premiere für mich sozusagen habe ich die Geschichte von Pirat bei einer Lesung von Bernd gehört. Und auch mich hat sie in ihren Bann gezogen und ich habe das Buch noch am selben Abend angefangen zu lesen.

Natürlich habe ich Bernd auch einige Fragen zu seinem Buch und zu seiner Karriere als Autor gestellt. 
 


Wie haben Bücher den Weg in dein Leben gefunden?


Bei uns zu Hause gab es nicht so viele Bücher, darunter aber einige seltsame, die meine kindliche Phantasie stark angeregt haben, zum Beispiel das Textbuch von Wagners „Der Ring des Nibelungen“; in Fraktur gedruckt und in eher abweisendes lehmbraunes Leinen gebunden (ich besitze es heute noch). Damals dachte ich, der Text sei jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendealt, oder abwegige heimatkundliche Literatur, auch zu den für mich unbegreiflichen ehemaligen deutschen Ostgebieten - wenn ich da jetzt weiter ausholen würde, würde ich viele viele Seiten füllen.

 

Außerdem hat meine Mutter mich sehr gut mit Büchern versorgt, als kleines Kind mit den handlichen Pixibüchern, da gab es ganze von Tieren bevölkerte Kleinstädte mit Kaufläden, Bäckereien und spitzgiebligen Häusern, die sich um einen Anger gruppierten. Später hat meine Mutter dann bereitwillig und mit großer Freude alles angeschafft, was ich wollte oder entdeckt hatte, darunter viele Sachbücher zu Archäologie, alter Geschichte und und und.

 

Dann gab es noch die Stadtbibliothek im Keller der Grundschule, ein – in meiner Erinnerung – krudes Durcheinander an Sachbüchern und Literatur, ich habe ausgeliehen, was mir in die Sinne sprang - viele Kunstbücher mit Abbildungen von Kirchen, Kirchenausstattungen und deren Details. Vor allem in die habe ich mich richtiggehend verbissen und die Bücher x-Mal ausgeliehen, bis ich sie fast auswendig kannte (die Bilder und/oder die Texte); und dann gab es noch – besonders seltsam – eine ehemalige Lehrerin, Frau Draschil, die mir ausgemusterte Bücher, wieder diese Kunstbildbände oder Welterklärungsbücher im Kompaktformat („Wunderbare Welt. Ein Bildungsbuch für Jungen und Mädchen“, 1958, Lehrerausgabe – ja, genau die!), zubrachte. Ich habe manche damals schon als alt(modisch) und nicht mehr zeitgemäß empfunden, aber umso inbrünstiger darin gelesen.

 

 

Ach ja, und dann waren da noch die Schulbücher meiner Mutter - Nachkriegsware, mit vielen Reimen auf alle Dinge der Welt, voller herrlich lockender, naiver Dörfer und braver (oder eben böser, wobei die Strafe auf den Fuß folgte) Kinder, auch ein Englischlehrbuch aus der Nazizeit war dabei. „A flag“ zeigte die Hakenkreuzflagge, aber sorgfältig überklebt, und ich rubbelte am dünnen Papier, um das Darunterschimmernde freizulegen, als ginge es um ein Los, dessen Einlösung sich mit dem dünner werdenden Papier zugleich gerade endgültig verdünnisierte. Ja, so – und auf noch ganz anderen Wegen – haben Bücher in mein Leben gefunden. Den wichtigsten Weg beschreibe ich später noc eingehender.
 


Wie bist du zu den Kinderbüchern gekommen ?


Meine – kindliche und sowieso auch sonstige – Phantasie ist schier grenzenlos. Ich arbeite an den Stoffen, die mir „zufallen“, auf die ich stoße oder die mich, aus bestimmten Lebensumständen zum Beispiel, umtreiben, wenn ich sie denn reichhaltig und stark genug finde. Und ich setzte mich auch nicht an den Schreibtisch und sage: „So, jetzt schreibe ich ein Kinderbuch.“ Wenn das Buch, das ich gerade schreibe, ein Kinderbuch ist, dann ist es eben so – aber es ist ja immer auch ein Buch für Erwachsene, die das Kind in sich springen, hüpfen und tanzen lassen.
 


Ist es schwierig sich in die Sicht der Kinder zu versetzen?


Ich glaube einmal, dass das zum einen gar nicht  geht (oder kaum oder nur ansatzweise), sich in die Sichtweise und Innenwelt von Kindern zu versetzen. Zum anderen ist es – glaube ich – auch gar nicht nötig. Kindern wissen, dass das Bücher sind, die Erwachsene geschrieben haben, für sie, die Kinder zwar, aber eben als Erwachsene. Und Kinder wollen ja – bewusst oder unbewusst – hineinwachsen in diese große Welt, die da vor ihnen – verheißungsvoll – liegt und sich ausbreitet. Wenn ich mich als Autor vielleicht in dieses In-die-Welt-hinein-Strecken der Kinder hineinversetze oder mich da quasi rückwärts und vorwärts zugleich meinerseits hineinstrecke, dann gelingt das, was wir „gute Kinderbücher“ nennen. Ich sage das mal ein bisschen einfach. Komplizierter kann ich es auch sagen, das steht alles in Büchern über Literatur für Kinder wie „Zauberkreide“ von Gundel Mattenklott oder anderen. Und man braucht, natürlich, schier unstillbare Neugier, Anfänger- oder Schöpfungsmorgengeist, Ver-rücktheit (wie schräg oder seltsam darf die Welt sein?) – und sehr viel Humor und Witz, der den Ernst und die Gravitation des Lebens aber nicht zur Seite schiebt.
 


Welches Kinderbuch hat dich am meisten geprägt?


Zuerst einmal – die Anfänge sind das Wichtigste – hat mich kein Buch am meisten geprägt, sondern die Märchen, Geschichten und Reimspiele meiner Großmutter, die sie mir, im Bett liegend und ich an sie gekuschelt, bei spärlichem Licht erzählte. Daher kommt, vermute ich, der ganze Zauber, der einem das Leben lang auf den Fersen bleibt oder auf Schleicheschritte schon mehr oder weniger weit voraus ist. Abend für Abend gab es eine Geschichte. So erinnere ich mich jedenfalls. Und das Märchen vom Aschenputtel musste jeden Abend gleich lauten, da durfte es keine Abweichung im Text geben. Wenn meine Oma sagte: „Das geht heute anders“ (und mit einer Abkürzung etwas schneller), weil sie wahrscheinlich müde war, dann sagte ich: „Nein, Oma, das geht so und so“ und sprach ihr den Text vor, dem sie dann gefälligst folgen sollte.

 

Also: Am Anfang standen das Erzählen und das Lauschen. Waren die Ohren gespitzt! Standen mein Herz und mein Gemüt offen! Und später dann haben mir meine Oma (oder meine Mutter, wohl beide) Schallplatten gekauft, Schallplatten mit Märchen. Ich hatte einen ganzen Stapel davon – und habe ihn noch. Mit der Plattenhülle in beiden Händen saß ich vor dem Dual-Plattenspieler und horchte. Hans Paetsch erzählte in seinem Singsang und seiner teilweise beeindruckend falschen Betonung die Geschichte von Dornröschen (er sagte: Dorn-röschen, mit dem Schwerpunkt auf der ersten Silbe, was mir gewaltig daherkam) oder von der Königinnen-Stiefmutter, die im überheißen Dampfbad zu Tode kommt. Dazu das Starren auf das Plattencover. Auf halbabstrakte 70er-Jahre-Landschaften in leicht (oder sogar in heftigen) psychadelischen Lilatönen. Oder in starkblau und grellgrün. Und jedes Mal erzählte Hans Paetsch mit seinem Vollbart (er war auf der Rückseite der Hülle zuweilen abgebildet) ohne Abkürzungen oder Umwege oder Auslassungen. Er musste bis zum Ende der Platte mitspielen. Außer, ich machte ihm – plattentechnisch gesprochen – den Garaus und hob die Nadel ab oder drehte auf 45 Umdrehungen statt auf 33, was dem Ganzen einen weiteren psychadelischen Drive gab.



Um wenigstens ein Buch zu erwähnen, denn die gab es – natürlich – zuhauf: Von Otfried Preußler der „Räuber Hotzenplotz“, ich weiß gerade nicht, welcher Band, ich glaube der zweite oder dritte, und zwar der Anfang. Da wird der Komposthaufen der Großmutter beschrieben, unten auf der ersten Textseite, und es geht, umgeblättert, noch ein Stück weiter, wie dort die Kürbisse mit Vanille- oder Schokoladengeschmack wachsen. Das Ganze ist eingebettet in eine herrlich knapp und zugleich wunderbar weiträumig gefasste Herbststimmung. Ich war ganz baff, dass man mit Worten so Türen und Fenster aufreißen kann in die wirkliche Welt, die sich noch viel wirklicher anfühlt als draußen die mit Händen zu greifende. Ich habe das Buch auf der Ausstellung des Borromäusvereins in Händen gehalten und wollte es gar nicht mehr loslassen. Ich habe immer und immer wieder diese Passage gelesen – und das Buch dann natürlich bestellt – und mindestens einen Monat gewartet, bis es dann endlich gekommen ist, zusammen mit einem anderen Buch, „Steine erzählen“, das ich angeblich auch bestellt hatte, was aber nicht stimmte, aber die katholische Schwester, die diese Buchausstellung betreute, zwang mich quasi, auch dieses Buch mitzunehmen – und also zu kaufen. Auch das besitze ich heute noch.


Ach ja, noch etwas zur Mündlichkeit und zum Ins-Ohr-Gehen von Literatur. Für mich ist Literatur, die nicht „klingt“, die also nicht mit Melodie, Laut(fülle), Sprache als Gestalt und Gestus arbeitet, keine gute Literatur. Der Mensch ist ein Ohrentier. Literatur kommt vom Erzählen der Geschichten um das Feuer. Kommt vom Kultus in Tempeln oder jedweden heiligen Stätten. Ist von dorther auf die Theaterbühne gewandert. Ins Gedicht. In das Epos. Der Autor (und mit ihm seine Literatur) ist, ja, wie sagt das Thomas Mann zu Beginn des „Zauberberg“ durchaus ironisch – „der raunende Beschwörer des Imperfekts“. Vom Mund ins Ohr. So fängt das an. So fing es bei mir an.
 


Wie bist du zu dem Igel gekommen oder kam er eher zu dir?


Fast alle meine Figuren kommen irgendwie, auf den einfachsten, den unerwartetsten oder verschlungensten Pfaden zu mir und ich nähere mich ihnen dann. Manchmal ist da Vorsicht geboten. Das sind ja nicht immer die harmlosesten Typen. In manchen meiner Erwachsenentexte oder Theaterstücke zumindest nicht. Der Igel ist, so vermute ich, aus dem „Grasland“ herübergewandert. Das „Grasland“ ist ein (bislang unveröffentlichter) Parallelweltenroman. Die Graslandwelt wird, neben Aussteigern aus der Menschenwelt und anderen versprengten Gestalten, von Zwitterwesen zwischen Tier und Mensch bevölkert - aufrecht gehend, adrett oder einigermaßen daneben gekleidet, zum einen igelartige Wesen, zum anderen murmeltierartige.

 

Als ich „Pirat“ geschrieben habe, hat die Graslandwelt noch extrem gestrahlt –, und da ist vielleicht ein, nunmehr richtiger Igel, durch eine Pfütze (das sind unter anderem Zugänge in diese Parallelwelt) herübergeschlüpft. Vielleicht. Wer übrigens mehr zum „Grasland“ lesen möchte, möge doch einen Blick in den Katalog der kommenden Ausstellung „Aufbewahrt! Das literarische Leben in Selbstzeugnissen, Dokumenten und Objekten“ des Centre national de littérature in Mersch werfen, da gibt es einen Beitrag von mir dazu.

 


 


Kann man, deiner Meinung nach, heutzutage die Kinder leicht mit Büchern begeistern?
 

Wenn man keine „kindgerechten“ Bücher macht, also keine irgendwie didaktisch zubereiteten erzählenden Stoffe, die sich, auf welche Weise auch immer (witzmäßig, schulterklopfend etc.), anbiedern, sondern Bücher, die die Kinder ernst nehmen und sie zuweilen oder stellenweise sogar (leicht) überfordern, dann auf jeden Fall! Und man lese den Kindern vor! Und / oder erzähle ihnen Geschichten! Und ermuntere sie, selbst an Geschichten, Stoffen und Welten zu spinnen. Oder man schleppe ihnen ganze Epen in Reimen an, so was wie „Zorgomazoo“ von Robert P. Westen (wann bringen deutschschreibende Autoren mal so was zuwege?), oder bei den „Kleinen“ eben richtige gut gereimte Sachen, nichts Billiges, Herkömmliches, Abgeschmacktes. Ja, es gibt schier unendlich viele Wege, Kinder für Bücher zu begeistern. Und man schleife sie in Bibliotheken: Schau mal, so viele Bücher gibt es und noch viele mehr. Und man gehe selbst lesend voran, mit ganzer Seele und mit ganzem Herzen; das Beispiel steckt an. Am Ende wollen Kinder dann alles lesen, sogar den Beipackzettel für irgendein Medikament; wie ich und mein Bruder, wir haben die auswendig gelernt und uns an dem Wortklang fast berauscht, meine Mutter wurde halb verrückt mit uns!
 


Vielen Dank an Bernd für dieses ausführliche Interview!


Wer die Geschichte „Pirat – Oder Seeräuber sterben nie“ lesen, oder zu Hause vorlesen möchte der findet hier die Eckdaten zum Buch:

Pirat – Oder Seeräuber sterben nie von Bernd Marcel Gonner
Verlag : Bicherhaischen
ISBN : 978-99959-999-0-2
Preis : 15 Euro
 

Und natürlich startet auch wieder ein Gewinnspiel rund um das Buch „Pirat“. Ein Exemplar gibt es auf der Facebook Seite von Martine’s Leseecke zu gewinnen. Hierzu einfach folgende Frage beantworten: Welche Piratengeschichten kennt ihr aus eurer Kindheit oder lest ihr heute euren Kindern vor?

Das Gewinnspiel läuft auf Martine's Leseecke bis zum 25.5.


Viel Glück!

Martine

 

 

Entdeckt weitere Bücher und Autoreninterviews aus Martines Leseecke:

About the author

Martine
Martine

Musik, Natur, Sport, Kunst und Kultur und vor allem Lesen. Dies sind einige meiner vielen Interessen. Geboren in Luxemburg und wohnhaft im Westen, bin ich in der Mitte des Lebens angekommen und genieße dessen Vielfalt jeden Tag aufs Neue. 

Die Literatur ist für die Menschheit das, was Träume für den Einzelnen sind. Isabel Allende