Kurztrip nach China:

Auf in die Millionenstadt Suzhou

Wie jedes Jahr im November steht der Weltcup in China auf dem Programm. Zum ersten Mal fand dieser aber in Suzhou statt, einer 10 Millionen Einwohnerstad in der Provinz Jiangsu (100 Kilometer von Shanghai entfernt). Die Stadt wird auch als „Venedig des Ostens“ bezeichnet, weil sie von vielen Kanälen durchzogen ist. 

Shanghai ist eine meiner Lieblingsstädte in China. Ich hatte die Gelegenheit auf verschiedenen Lehrgängen die chinesische Stadt mit europäischem Flair besser kennen zu lernen. Ein Highlight war für mich immer die Skyline abends am Bund zu bewundern.

Aber dafür blieb uns dieses Jahr keine Zeit. Durch die doch etwas kurze Vorbereitungszeit vor der Saison wusste ich, dass ich in China noch nicht ganz fit an den Start gehen würde. Da ich außerdem immer wieder Probleme mit dem Jetlag in China habe und auch das chinesische Essen mir öfters Sorgen macht, entschied ich mich dazu, nur so kurz wie möglich in China zu verweilen. Den Weltcup weglassen konnte ich mir wegen der Ranglistenpunkte nicht erlauben.

So wurde es also eine sehr kurze Reise: Mittwochabends ging der Flieger nach Shanghai, wo wir in der Früh am Donnerstag landeten und mit dem Schnellzug nach Suzhou weiterfuhren. Freitag und Samstag stand fechten auf dem Programm und Samstagabends saßen wir schon wieder im Flieger zurück nach Europa. Wir hielten uns also gerade mal 60 Stunden in China auf.  Im Gepäck: Die Fechtsachen und jede Menge Essen. Chinesisch mag ja ganz gut sein, aber ich liebe es morgens vor dem Wettkampf mein Müsli mit Joghurt zu essen. Und dies ist doch eher eine Seltenheit am chinesischen Frühstücksbuffet, vor allem wenn man die Großstädte verlässt und sich in Gegenden rumtreibt, wo ein Tourist sich eher selten hin verirrt.

In Shanghai Pudong gelandet, mussten wir erst einmal quer durch die Millionenmetropole, zum Honqiao Bahnhof. Dies hieß sich von einem Taxifahrer über den Tisch ziehen lassen und dann ewig lang im Stau stehen. Dagegen ging die Fahrt mit dem Schnellzug wie im Flug: Mit 360 km/h düsten wir durch die chinesische Pampa. In Suzhou angekommen, standen wir vor der ganz neuen Sporthalle. Diese Sporthallen sehen Überall gleich aus: Nanjing, Peking, Xuzhou, Suzhou oder Shanghai, es sind immer riesen Sportkomplexe mit moderner Architektur. 

Die Waffenkontrolle ging gottseidank rasch über die Bühne, da der chinesische Fechtverband doch schon geübt darin ist, solche Weltcups zu organisieren. Außerdem wollen die Chinesen dieses Jahr einen besonders guten Eindruck hinterlassen, weil Ende Juli die Weltmeisterschaften in Wuxi, auch so ein chinesisches Millionenprovinzstädtchen, stattfinden werden.

Am Abend nutzten wir die Gelegenheit Suzhou etwas genauer kennenzulernen. Rote Lampions mit chinesischen Schriftzeichen und die typischen chinesischen Häuschen aus Holz mit den überkragenden Dachsparren machten die Stadt sehr heimlich. Beim Abendessen kommt dann immer die Herausforderung... kein Chinese hier in der Provinz spricht Englisch, und keiner aus unserer Gruppe spricht chinesisch. So probierten wir anhand von Google Bildern und Google Translate  was zu bestellen, was einem Europäer nicht zu sehr auf dem Magen liegt. Manchmal kommen bei diesen Bestellungen witzige Überraschungen auf den Tisch. Die Dumplings gehen aber immer: Die Teigtaschen mit Gemüse oder Fleischfüllung schmecken fast so wie die Maultaschen bei den Schwaben:)

Zeit für Jetlag gab es nicht, da am Morgen danach schon die Runden stattfanden. Ich hatte aber das Glück, erst im zweiten Durchgang die Planche betreten zu müssen. Ich hatte mir für die Runde viel vorgenommen, da ich durch meinen derzeitigen Platz 40 der Weltrangliste eine gute Ausgangsposition besitze.

Im Fechtweltcup läuft es nämlich so ab, dass die 16 Besten der Welt von der Vorentscheidung befreit sind und direkt für das 64er Tableau gesetzt sind. Zu diesen 16 kommen nochmals die 16 Besten nach der Runde dazu. Der Rest muss durch den K.O. Entscheid und dies ist immer eine Art russisches Roulette. Manchmal hast du Glück und bekommst einen Gegner der dir liegt, manchmal hast du Pech und erwischst einen starken Gegner der bei seiner Runde einige Gefechte vergurkt hat. Das Ziel ist es also: 6 Siege in der Runde, sich keine Niederlage erlauben.

Der Anfang sah auch sehr vielversprechend aus. Mein erstes Gefecht gegen eine Rumänin, die neben mir als Stärkste gesetzt war, konnte ich mit 5-2 klar für mich entscheiden. Der Traum der Direktqualifizierung platzte aber als ich gegen eine junge flinke Japanerin mit 5-4 den Kürzeren zog und auch gegen eine Russin mit 5-4 das Nachsehen hatte.  Egal, als Profifechterin ist man diese Situation gewohnt und lässt sich davon nicht runterziehen. Durch meinen guten Trefferindex hatte ich noch das Glück im 256er Tableau ein Freilos zu haben und ich wusste ich müsste nur ein Gefecht auf 15 gewinnen um das 64er Haupttableau zu erreichen.

In diesem Gefecht stand mir die Koreanerin Sera Song gegenüber. Gegen die Nummer 30 der Welt hatte ich beim Grand Prix in Doha vor zwei Jahren schon mal verloren. Die Linkshänderin ficht mit französischem Griff, was bedeutet, dass sie ein Stück länger ist als die, die mit Pistolengriff fechten, sind dafür aber schwächer in den Paraden. Auch wenn ich wusste, dass es schwer wird, ging ich optimistisch in den Kampf hinein. Ich konnte in den letzten Jahren viel Erfahrung sammeln und hatte auch schon des Öfteren gegen Fechter mit ähnlichem Style gewonnen. Wieso also nicht auch jetzt in China gegen Song?

Allerdings wies mich Song recht schnell in die Schranken. Nach der ersten Minute stand es schon 5 -0 gegen mich und Melinda, meine Trainerin, stand mit purer Fassungslosigkeit hinter mir. Ich versuchte noch die nächsten 2 Minuten möglichst gut zu gestalten, um mir in der Pause Ratschläge zu holen. Ich änderte die Taktik, holte sogar noch ein paar Treffer auf, doch Song  behielt die Nerven und schaffte es mit Doppeltreffern das Gefecht mit 15-12 für sich zu entscheiden. Im ersten Moment nach dem Gefecht packte mich natürlich die Wut. Die ganze Reiserei einmal um den halben Globus, um dann definitiv zu früh auszuscheiden.

Ich grübelte für den Rest des Tages vor mich hin und überlegte mir, was genau schief gelaufen war. Dies hatte den Vorteil, dass die Rückfahrt zum Flughafen nach Shanghai recht schnell verging :) Im Flieger zurück nach Frankfurt analysierte ich dann zusammen mit Melinda die Videos vom Gefecht und wir sprachen stundenlang über die Fehler und wie man es besser machen kann. Manchmal überanalysiere ich sogar, aber ich habe gelernt, dass ich mich besser mit meinen Fehlern auseinander setzen kann, wenn ich konkret darauf angesprochen werde und sie bildlich vorgelegt bekomme. Denn einem Video kann man nicht wiedersprechen, der zeigt eiskalt die Wahrheit. Viel Zeit zum rumjammern blieb sowieso nicht, eine Woche später ging es nach Paris zum Trainingslager, um gegen viele Fechter mit französischem Griff zu trainieren :) 

Nach dem Turnier gönnte ich mir mit dem Deutschen Nationalteam eine chinesische Massage :) 

 

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About the author

Lis Fautsch

Lis Fautsch: Geboren am 3. Februar 1987. Studium: Master in Publizistik- und kommunikationswissenschaften & in Business Administration Sportmanagement. Seit 5 Jahren Profifechterin und Soldatin der Sportfördergruppe der Luxemburger Armee. Ihre Waffe: der Degen. Lis ist Mitglied des „Cercle Escrime Sud“ und des „Heidenheimer SB“ und außerdem Mitglied des COSL-Elitekaders. Ihr Ranking im FIE-Worldranking: Platz 89 (von 672). Ihr großes Ziel: die Olympischen Spiele in Tokio 2020.