Buchvorstellung: Chamäleons

8 Kurzgeschichten von Anja di Bartolomeo

In 8 Kurzgeschichten schildert uns die Autorin prägende Situationen aus dem Leben von Konstantin, Paul, Marie, Clara, Leo, Sophie, Clemens und Jimmy. Sie alle treffen zu einem bestimmten Zeitpunkt Entscheidungen, die ihrem Leben eine unvorhersehbare Wendung geben. Und dieses auf allen Ebenen, sei es im Beruf, im Privatleben, mit Freunden oder Arbeitskollegen.

Ein Augenblick, der sie zweifeln lässt an dem Hier und Jetzt und der sie dazu bewegt, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben.

Was mich sehr beeindruckt hat, ist die ehrliche und aufrichtige Art, mit der die Autorin die Geschichten der Protagonisten erzählt. Ihr Hauptaugenmerk legt sie auf die Authentizität und geht daher nicht den Weg der Beschönigung sondern der schonungslosen Darlegung von Emotionen, seien sie positiver oder negativer Art. Die Geschichten vermitteln dem Leser das Gefühl des aktiven Beobachters, des Nebendarstellers, desjenigen der daneben steht und die Szenen miterlebt.


Ich wollte mehr über die Autorin und ihre Geschichten erfahren :


Woher kommt der außergewöhnliche Flow den Ihr Schreibstil aufweist? Ihre Gedanken scheinen mit galaktischer Geschwindigkeit ihren Weg aufs Blatt und ins Buch zu finden ?

Ich lebe meine Figuren. Sie sind da. Morgens, abends und manchmal nachts. Sie haben keine Geduld und wollen so schnell wie möglich zu Papier gebracht werden. Mein Schreibprozess ist kurz. Um nichts zu überstürzen ist es mir wichtig, jedes Mal Abstand zu nehmen und alles nochmals wirken zu lassen.


Ihre Geschichten sind aus dem Alltag entlehnt und trotzdem nicht alltäglich. Was ist Ihre Inspirationsquelle?

In „Chamäleons“ geht es um die Grausamkeit Entscheidungen zu treffen. Und die ist alltäglich. Wir funktionieren. Liefern. Laufen im Hamsterrad. Wünschen uns, dass es nicht so ist. Hoffen, dass alles anders wird. Träumen davon alles über Bord zu werfen und unser eigenes Leben zu leben. Oft fehlt der Mut. Manchmal nicht. Ausbrechen und loslassen ist ein Thema, das viele von uns beschäftigt. Inspiriert werde ich von den Menschen um mich herum. Von Gesprächen, Situationen und Begegnungen.


Die unheimliche Ausdrucksart zeigt auf eine immense Kraft, Willenskraft, Gedankenkraft, Lebenskraft. Sind das Wörter, die charakterlich auf Sie zutreffen?

Da müsste man eher meine Familie fragen ...


Die Protagonisten zeigen teils ein „mit dem Fluss schwimmen“, nicht auffallen, eher ein untergeordnetes Handeln. Und finden im entscheidenden Moment die Stärke, aus dem Fluss auszubrechen, sei es auch nur kurz. Und dieses Ausbrechen verändert sie, verändert ihr Leben. Ist es das was Sie mit ihren Geschichten „transportieren“ möchten? Den Mut zu haben, im richtigen Moment auszubrechen?

Jeder meiner Protagonisten trifft eine Entscheidung. Und sei es nur die Entscheidung, keine Entscheidung zu treffen. Nicht alle sind stark. Und ob sich das Leben der Figuren grundlegend verändern wird, ist auch nicht klar. Wäre ich Life-Coach, wäre meine Message „Hey, traut Euch Euren eigenen Weg zu gehen. Öffnet die Augen und wagt es Ihr selbst zu sein!“ Ich bin aber kein Life-Coach. Ich schreibe Geschichten, in denen sich der eine oder andere wiedererkennt. Ich schreibe Geschichten von denen ich mir wünsche, dass sie bewegen.


Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Ich schreibe, seit ich denken kann. Weil es sein muss. Weil ich es liebe. Und manchmal hasse.


Welche Geschichte hat Sie am meisten geprägt?

Jimmy ist meine persönlichste Geschichte. Der beste Freund, den es irgendwann mal gab. Der Kumpel, der es einfach nicht geschafft hat, mitzuhalten. Jimmy verschwand, tauchte wieder auf und dann wieder ab. Es gab Probleme. Es gab Lügen. Verpasste Anrufe, versprochene Rückrufe und leere Versprechen. Wir ließen ihn los. Jahre später kam das schlechte Gewissen. Wir begannen zu suchen. Umsonst. Ob er gefunden worden will, wissen wir bis heute nicht. Was bleibt ist ein hilfloses „Was wäre wenn“.

Ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat, ist Thomas Mann’s „Buddenbrooks“. Und ich liebe „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë.



„Chamäleons“ ist das zweite Buch der Autorin und wurde 2017 mit dem 1ten Preis des nationalen luxemburgischen Literaturwettbewerbs ausgezeichnet. 2011 erschien ihr Erstlingswerk „Schattenkopf“. Im „Forum“ veröffentlichte sie 2013 unter dem Pseudonym Ionna Dilano die Erzählung „Vergiss Australien, Nemo“. 1978 in Luxemburg geboren, arbeitete Anja di Bartolomeo von 2004-2009 als freie Mitarbeiterin der Zeitschriften Woxx, Télécran, Tageblatt (Kulturissimo) und Das Magazin. Seit 2012 ist sie Leiterin der Kommunikation im Centre Hospitalier Emile Mayrich.

 

Infos zum Buch:

Chamäleons, Anja Di Bartolomeo, 2017, 132 Seiten, Erzählungen, 11,5x18,6 cm, broschiert, Deutsch, Op der Lay 187, ISBN 978-2-87967-230-4

 

Ein Exemplar von Anja di Bartolomeos Buch "Chamäleons" gibt es auf der Facebook-Seite von Martine's Leseecke zu gewinnen!

 

Book Visual © Opderlay.com
Background © Unsplash
 
 

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About the author

Martine
Martine

Musik, Natur, Sport, Kunst und Kultur und vor allem Lesen. Dies sind einige meiner vielen Interessen. Geboren in Luxemburg und wohnhaft im Westen, bin ich in der Mitte des Lebens angekommen und genieße dessen Vielfalt jeden Tag aufs Neue. 

Die Literatur ist für die Menschheit das, was Träume für den Einzelnen sind. Isabel Allende